Der Ausschuss für wissenschaftliche Literaturversorgungs- und
Informationssysteme (AWBI) der DFG hat in einem Schreiben über den neuen § 137 l UrhG informiert. Dabei wurde als Hilfestellung für Autoren auf einen Musterbrief Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGP) hingewiesen.

Der Kernsatz des Schreibens lautet:
"Sofern dieses Gesetz in Kraft tritt und eine Regelung für die unbekannten Nutzungsarten enthält, widerspreche ich jeder Nutzungsart, die zu der damaligen Zeit meiner Veröffentlichung noch unbekannt war. Dieser Widerspruch gilt für alle meine Veröffentlichungen in ihrem Verlag."

Nicht wenige Hochschulbibliotheken überlegen, ihre Wissenschaftler entsprechend zu informieren. Offenbar soll ein möglichst weitgehender Rechteerhalt bei den Wissenschaftlern erreicht werden. Zudem soll Open Access gefördert werden. Man fürchtet, eine retrospektive Digitalisierung der älteren Literatur durch die Bibliotheken werde durch § 137 l UrhG in weitem Umfang unmöglich gemacht.

Hier fragt es sich aber: Warum sollte eine Hochschulbiliothek ihre Wissenschaftler zu einem Widerruf im Sinne von § 137 l UrhG bewegen? Was gewinnt sie damit?

Bei näherem Hinsehen erweist sich eine entsprechende Aktion zum gegenwärtigen Zeitpunkt als nicht sinnvoll. Das Ergebnis einer erfolgreichen Mailingaktion ist doch nur dies, dass die Autoren auch in Zukunft ihre Online-Rechte behalten. Die Bibliothek hat davon unmittelbar nichts.

Bis zum Inkrafttreten von § 137 l UrhG sollten Bibliotheken nach § 137 l Abs. 1 S. 4 UrhG verfahren. Danach greift die Regelung von § 137 l UrhG nicht, wenn die Autoren einem Dritten, etwa der Bibliothek, die Online-Rechte eingeräumt haben. Ein separater Widerruf gegenüber den Verlagen ist dann nicht mehr nötig.

Hochschulbibliotheken, die für die älteren Veröffentlichungen ihrer Wissenschaftler in weitem Umfang Open Access gewährleisten möchten, sollten daher vor Inkrafttreten des Gesetzes NICHT den kursierenden Widerrufsbrief verschicken, sondern ihre Wissenschaftler auffordern, ihr selbst die Online-Rechte zu übertragen. Ein einfaches Nutzungsrecht dürfte hier genügen.

Die Bibliothek kann dann die entsprechenden Publikationen digitalisieren und in ihr Repositorium einstellen. Für die beroffenen Wissenschaftler bedeutet dies, "zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen". Sie erzielen die Wirkung eines Widerrufs nach § 137 l UrhG und haben zugleich alles Nötige getan, um ihre Publikationen auch in Internet gut sichtbar zu machen.

Der kursierende Musterbrief kann nach Inkrafttreten von § 137 l UrhG bei den Wissenschaftlern verwendet werden, die der Bibliothek noch keine Nutzungsrechte eingeräumt haben. Aber auch hier sollte immer ein Rechteerwerb durch die Bibliothek und nicht der bloße Widerruf im Vordergrund stehen.

Der kursierende Musterbrief ist aus Sicht einer Fachgesellschaft und der betroffenen Wissenschaftler sinnvoll und richtig. Hier geht es um Rechteerhalt. Für eine Hochschulbibliothek aber, die ein eigenes Repositorium betreibt, ist er zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht als Arbeitsgrundlage zu empfehlen. Da das Interesse der Bibliothek darin besteht, ihr Repositorium zu füllen, nützt ihr ein Widerruf der Autoren zunächst nichts. Sie muss nämlich in einem zweiten Schritt noch die Rechte bei den Autoren erfragen.

Hier bietet § 137 l Abs. 1 S. 4 UrhG eine Vereinfachung: Die Bibliothek kann die nötigen Rechte erbitten und den Autoren damit die Notwendigkeit eines separaten Widerrufs gegenüber den Verlagen ersparen.

So gesehen ist § 137 l UrhG eine gewaltige Chance. Die Bibliothek hat noch einmal Gelegenheit, in großem Umfang Dokumente für ihr Repositorium einzuwerben. Diese Chance sollte man jetzt nutzen.

Gleichwohl darf nicht übersehen werden, dass § 137 l UrhG auch die positive Wirkung hat, dass Autoren in kommerziellen Angeboten der Verlage zusätzliche Sichtbarkeitschancen erhalten. Ein undifferenzierter Widerruf oder eine schlichte Rechteeinräumung an die Bibliothek vereitelen diese Chancen.

Wenn Bibliotheken ihren Autoren also empfehlen, ihnen für geeignete ältere Publikationen Nutzungsrechte zur Online-Publikation einzuräumen, sollten die Autoren durchaus ermuntert werden, ihren Verlagen ebenfalls entsprechende Rechte zu geben.