Hochschulbibliotheken, die sich von Tauschexemplaren ihrer älteren Dissertationen trennen wollen, sollten dieses Vorgehen gründlich vorbereiten. Da die ausgesonderten Arbeiten von Antiquaren in der Regel im Internet angeboten werden, besteht eine gewisse Wahrscheinlichkeit, daß die Autoren oder Angehörige von ihnen auf den Verkauf aufmerksam werden. Das kann zu Nachfragen führen.

Rechtlich sind drei Aspekte zu unterscheiden: Sachenrecht, Urheberrecht, öffentliches Recht.

Sachenrechtlich ist die Bibliothek bzw. ihr Unterhaltsträger Eigentümer der Dissertation, kann also über sie verfügen. Da die Arbeiten vom Autor zur Weiterverbreitung abgeliefert worden sind, steht ihm auch aus seinem Urheberrecht kein Recht zu, die Veräußerung der Dissertationen zu verbieten.

Problematisch ist aber eine mit der in der Promotionsordnung statuierten öffentlich-rechtlichen Ablieferungspflicht verbundene Zweckbindung bei der Verwendung der abgelieferten Exemplare. Diese Zweckbindung besagt, daß die Dissertationen durch die Bibliothek im Wege des Tauschs weiterzuverbreiten sind und für Anfragen aus dem wissenschaftlichen Bibliothekswesen vorgehalten werden müssen. Es wird vertreten, daß diese Pflicht eine angemessene Aufbewahrungszeit der Tauschexemplare bedinge, die etwa bei rund 30 Jahren anzusetzen sei. Insbesondere dann, wenn der Antiquariatsbuchhandel noch Interesse an den Arbeiten habe, sei eine Veräußerung wegen des dadurch bewiesenen wissenschaftlichen Interesses gerade nicht angezeigt.

Dem kann im Ergebnis nicht gefolgt werden, da die Arbeiten nach vielen Jahrzehnten letztlich nur noch makuliert werden dürften, was der vom Doktoranden sicher gewünschten Verbreitung vollkommen entgegensteht.

Zwar ist es richtig, daß die abgelieferten Arbeiten nicht zur Veräußerung vom Doktoranden angefordert werden, sondern zum Vertauschen und Verbreiten. Allerdings kann man davon ausgehen, daß spätestens seit der Wiedervereinigung das deutsche Bibliothekswesen in seinem Bedarf an Dissertationen weitgehend gesättigt ist. Es besteht für eine größere Anzahl von Tauschstücken kein Bedarf. Von daher kann die Bibliothek sich von diesen Exemplaren in größerem Umfang trennen, soweit mit wenigen, vielleicht fünf zurückgehaltenen Exemplaren gesichert wird, daß einzelne Anfragen noch bedient werden können. Dies kann vor allem bei Havariefällen wie etwa Bibliotheksbränden aktuell werden. Im übrigen können die Arbeiten zu einem moderaten Preis veräußert werden. Es ist aber nicht zulässig, daß die Bibliothek unter Anrechung ihres Aufwandes für Lagerung und Verwaltung nennenswerte Gewinne erwirtschaftet.

Soweit eine Bibliothek Dissertationen der eigenen Hochschule in ihren Bestand eingearbeitet hat, kann sie überzählige Stücke wie jedes andere Buch auch aussondern, sofern sichergestellt wird, daß die Arbeit noch in wenigstens einem Exemplar vor Ort verfügbar ist. Diese Pflicht wird man ebenfalls aus der öffentlich-rechtlichen Ablieferungspflicht ableiten können.

Literatur: Winold Vogt: Gutachten zur Frage der Behandlung überzähliger Dissertationen, in: Bibliotheksdienst 1975, S. 249 f., abgedruckt in: Gutachtensammlung zum Bibliotheksrecht, Wiesbaden 2002, Nr. 19.